Handicap-Hunde

Handicap-Hunde

Myriam Koller
13.10.22

An unserem früheren Wohnort trafen Mila und ich regelmässig einen Hund, der blind war. Es faszinierte mich immer sehr, mit was für einer Ruhe er seiner Besitzerin hinterher trottete und dank einem kleinen Zweithund sich gut in der Umwelt zurechtfand. Es gibt verschiedene Beeinträchtigungen, die auch Hunde betreffen können. Jede Beeinträchtigung hat dabei ihre Herausforderungen, denen man sich bewusst sein sollte, bevor man einen Hund mit Handicap zu sich holt. Natürlich kann es auch immer sein, dass die Beeinträchtigung erst dazu kommt, wenn der Hund bereits bei einem lebt, zum Beispiel durch eine Krankheit, einen Unfall oder durch das fortschreitende Alter. Dann ist es wichtig, dass man so früh wie möglich anfängt, präventiv zu arbeiten um dem Hund das Leben zu vereinfachen.

Mögliche Beeinträchtigungen

  • Gehörlose Hunde
  • Blinde Hunde
  • Neurologische Probleme (Hunde sind z.B. durch Staupe, degenerative Myelopathie, Rückenmarksinfarkt, Unfall oder Tumore gelähmt oder gehbehindert)
  • Hunde mit amputierten Gliedmassen
  • Inkontinenz
  • Double-Merle-Gen

Was sollte man beachten vor der Anschaffung eines handicapierten Hundes?

Wenn man sich einen Hund mit Handicap ins Haus holen möchte, sollte man sich vorgängig gut informieren, was die Beeinträchtigung alles mit sich bringt und worauf man speziell achten und Rücksicht nehmen muss. Wenn das bekannt ist, sollte man sich ehrlich fragen, ob man den Bedürfnissen des Hundes gerecht werden kann und ob alle beteiligten Personen damit einverstanden sind. Je nach Beeinträchtigung muss auch die Lokalität geeignet sein (z.B. bei gelähmten Hunden). Beeinträchtigungen bedeuten ganz klar einen Mehraufwand und vielfach ein Umdenken. Nicht nimmer ist der Aufwand gleich gross. Man muss sich zum Teil intensiver um die Hunde kümmern, es können vermehrt Tierarztbesuche anstehen, was wiederum eine höhere finanzielle Belastung mit sich bringt. Auch die Unterbringung bei Abwesenheit ist ein wichtiger Punkt, der vorgängig geklärt werde muss, weil ein Hund mit einer Beeinträchtigung spezielle Haltungsbedingungen und oft auch Pflege erfordert.

Zu guter Letzt ist zu erwähnen, dass man je nach Beeinträchtigung auch viel mit aussenstehenden Personen darüber sprechen und sich erklären muss. Nicht jede Person hat für alle Haltungsformen Verständnis. Sprich, die Reaktionen können nicht nur positiv ausfallen. Man sollte auf jeden Fall nie ein Hund mit Handicap aus Mitleid adoptieren. Das wäre definitiv der falsche Beweggrund.

Tauber Hund

Es gilt zu unterscheiden, ob ein Hund bereits taub geboren wurde, oder ob die Taubheit erst im Laufe des Lebens entstand. Taube Hunde leben meist ziemlich «normal» mit ihren Besitzern zusammen. Es gilt aber ein paar Dinge zu beachten. Da der Hund uns nicht hört, wird über Handzeichen gearbeitet. Um den Hund auf uns aufmerksam zu machen oder zu «rufen», wird meist ein Vibrationshalsband antrainiert. Bei den Handzeichen ist darauf zu achten, dass man deutliche Unterschiede aus der Hundeperspektive erkennen kann. Hunde können durchaus, genau wie verbale Signale, etliche Handzeichen lernen.

Da der Hund nicht hören kann, hört er auch Gefahren nicht kommen. Deswegen müssen taube Hunde draussen meist durch eine Leine gesichert sein, damit man im Notfall schnell eingreifen kann. Im Dunkeln kann eine Taschenlampe helfen, damit der Hund die Handzeichen trotzdem sehen kann. Auch für hörende Hund kann es sinnvoll sein, immer ein Wortsignal mit einem Handzeichen zu verknüpfen. Wir wissen schliesslich alle nicht, wie gut unsere Hunde im Alter noch hören werden.

Circa ab er fünften Lebenswoche kann mittels eines audiometrischen Tests herausgefunden werden, ob ein Hund hörend ist oder nicht. Gerade bei Hunderassen, die eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, taub geboren zu werden, ist das oftmals ein normales Prozedere. Weisse Hunde sind vermehrt von Taubheit betroffen. Eine bekannte Rasse ist der Dalmatiner.

Bei gehörlosen Hunden ist das Vertrauen in den Besitzer umso wichtiger. Früh wird am Blickkontakt gearbeitet, damit man im ständigen Kontakt mit dem Hund steht. Viel nehmen die Hunde über Vibrationen war. Das heisst, wenn man sich nähert, kann es sein, dass er das durch die Bodenvibration merkt. Reagiert ein tauber Hund aber nicht, sollte man sich vorsichtig und von vorne nähern, damit er sich nicht erschrickt.

Blinder Hund

Auch blinde Hunde können sich erstaunlich gut in unserer Welt zurechtfinden. Ihnen helfen ihre anderen Sinnesorgane. Besonders das eigene Zuhause speichern sie gut ab und können sich frei bewegen. Es ist darauf zu achten, dass man nichts im Weg rumstehen lässt oder dass man nicht dauernd Möbel verstellt. Das gibt dem Hund Sicherheit. Bei blinden Hunden ist es wichtig, dass man ihr Explorationsverhalten fördert. Damit sie nicht vollkommen abhängig vom Besitzer oder von anderen Hunden sind. Zweithunde können aber viel Sicherheit und Orientierung bieten.
Auch allein bleiben kann eine Herausforderung darstellen, weil die Hunde sich doch sehr stark an den Besitzer hängen. Das Schlimmste wäre es, wenn der Hund in Panik gerät, weil er seine Bezugsperson nicht mehr findet und völlig verloren ist.

Bei blinden Hunden muss man darauf achten, dass es nicht zu Fehlverknüpfungen kommt. Dies ist schnell passiert, da sie nicht sehen können, woher ein Reiz kommt. Ein positiver Umgang mit den Hunden ist daher essentiell.
Der Rückruf und das Stoppen eines Hundes sind wohl für jeden wichtig. Bei blinden Hunden aber noch ein bisschen mehr, damit man sie vor Gefahren schützen kann, die sie nicht sehen. Eine Kennzeichnung von blinden Hunden macht absolut Sinn, damit aussenstehende Personen auch erkennen, dass dieser Hund ein Handicap hat. Um den Hund nicht zu erschrecken, kann man ihm beibringen, dass Berührungen angekündigt werden. Das vermeidet Schreckmomente. Viele Hundebesitzer arbeiten mit verschiedenen Duftkonzepten in den Räumen zuhause, welche dem Hund helfen, sich zu orientieren. Ein Wasserbrunnen als Trinkstation hilft dem Hund, diese schneller zu finden.

Neurologische Probleme

Neurologische Ausfälle können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Diese können von krankhaften Veränderungen oder Einflüssen herrühren, aber auch durch einen Unfall ausgelöst werden. Die folgende Aufzählung ist nicht abschliessend.

Staupe: Das ist eine gefährliche Viruserkrankung, die verschiedene Organe, unter anderem das Gehirn oder die Nervenbahnen befallen kann. Unsere Hunde sind in der Regel dagegen geimpft. Kommt ein Hund aber aus dem Ausland, könnte er dennoch an Staupe erkrankt sein. Die Viren können unter anderem epileptische Anfälle oder Lähmungen verursachen.

Degenerative Myelopathie: Dabei handelt es sich um einen genetische Rückenmarkserkrankung. Sie ist unheilbar und verläuft chronisch progressiv (voranschreitend). Der Hund hat immer mehr mit Bewegungseinschränkungen bis hin zur Lähmung zu kämpfen. Diese Krankheit betrifft mehrheitlich ältere Hunde.

Rückenmarksinfarkt: Ein Rückenmarksinfarkt ist eine degenerative, traumatische Erkrankung der Wirbelsäule. Betroffen sind oft grosse Hunderassen. Die Krankheit kann leider durchaus bereits in jungen Jahren auftreten. Durch das Ablösen von Bandscheibenpartikel verstopfen Blutbahnen. Das Gewebe wird lokal nicht mehr versorgt und stirbt ab. Es kommt zu Einblutungen ins Rückenmark, welche neurologische Störungen bis hin zur Lähmung auslösen können.

Gelähmt/Beeinträchtigung beim Gehen: Eine Lähmung kann teilweise oder ganzheitlich sein. Das bedeutet, dass eine Restfunktion noch vorhanden sein kann. Die Ursachen sind vielfältig (Entzündungen, IVSS, Tumore, Verletzungen der Wirbelsäule…). Werden entsprechende Massnahmen getroffen, haben die meisten Hunde dennoch eine sehr hohe Lebensqualität. Man kann sie mit Tragetüchern beim Gehen unterstützen oder Rollstühle anfertigen lassen, die die gelähmten Gliedmassen ersetzen. Bei gelähmten Hunden kann es auch zu Inkontinenz oder Problemen bei der Blasenentleerung kommen. Bei letzterem muss die Blase manuell entleert werden. Zum Teil muss man zudem unterstützend auf die Hygiene der Hunde achten, weil sie sich nicht immer komplett selber säubern können. Druckstellen können durch entsprechend gepolsterte Liegestellen und geeigneter Lagerung vermieden werden. Physiotherapie wirkt Verspannungen entgegen und kann die funktionierenden Gliedmassen kräftigen.

Double-Merle-Gen

Merle nennt man die grau-schwarz gefleckte Fellzeichnung, die durch eine Genmutation verursacht wird. Typische Rassen mit dieser Fellfärbung sind zum Beispiel Australian Shepherd, Cockerspaniel und Deutsche Doggen. Mittlerweile wird aber leider immer öfter auch bei anderen Hunderassen, wie zum Beispiel beim Dackel, das Merle-Gen angestrebt. Verpaarungen von zwei Hunden, die beide Träger eines Merle-Gens sind, sind in der Schweiz verboten. Denn das Merle-Gen kann grosse gesundheitliche Risiken bergen. Bei Trägern von nur einem Gen ist die Gesundheit zum Glück nur ab und zu beeinträchtigt. Trägt der Hund aber das Gen zweifach (Double-Merle-Gen) sind gesundheitliche Probleme fast schon gegeben. Von Missbildungen des Gehörapparates (Taubheit, Gleichgewichtsstörungen) über Augenprobleme (Entrundung der Pupillen, Spaltbildung der Augenhäute, stark verkleinerte Augen und Blindheit) bis hin zu Skelett- oder Herzdeformationen kann alles möglich sein. Zudem haben die Hunde blaue oder weisse Augen, was die Lichtempfindlichkeit erhöht. Bei mischerbigen Hunden ist das Risiko geringer, aber dennoch vorhanden.

Amputierte Beine

Wenn ein Hund einen Teil oder das ganze Bein amputieren muss, sieht das für uns Menschen oft sehr ungewohnt aus. Tatsächlich aber leben die meisten Hunde ohne grosse Probleme auf nur drei Beinen. Sie sind dennoch aktiv und agil. Die Vordergliedmassen tragen physikalisch gesehen mehr Gewicht als die Hinterläufe. Daher fällt die Amputation eines Hinterbeines weniger ins Gewicht. Bei amputierten Hunden sollte generell darauf geachtet werden, dass sie nicht überlastet werden. Spaziergänge lieber verkürzen dafür mehr einplanen. Um die verbleibenden Gliedmassen zu unterstützen, sollte man regelmässig Physiotherapie einplanen. So kann einseitiger Belastung und Verspannungen entgegengewirkt werden. Treppen sollten so gut es geht vermieden werden. Durch eine gezielte Ernährung kann zudem die Gelenke, Knochen und Bänder unterstützt werden. Übergewicht sollte wie bei jedem anderen Hund vermieden werden, da das überflüssige Gewicht die Gelenke zusätzlich belastet. Verspannungen durch die überhöhte und unphysikalische Belastung sind keine Seltenheit. Sie können durch gezielte Massagen gelindert werden. Hunde mit einem amputierten Vorderlauf kann es zudem entlasten, wenn man den Trink- und Fressnapf erhöht anbietet.

Hunde mit einem Handicap sind genauso liebenswert wie alle anderen auch. Sie benötigen spezielle Vorkehrungen bei der Haltung, welche teilweise einen Mehraufwand bedingen. Hunde mit einem Handicap fordern genau so eine körperliche und geistige Auslastung, wie alle anderen Hunde auch, selbstverständlich angepasst an ihre Fähigkeiten. Vor der Anschaffung sollte man sich gründlich überlegen, ob man mit allen Konsequenzen leben kann. Bekommt ein Hund im Verlauf des Lebens ein Handicap, gibt es viele Anlaufstellen, die einem helfen können, das Leben für den Vierbeiner lebenswert zu erhalten.
Was für Erfahrungen habt ihr gemacht Handicap-Hunden?