Arbeitshunde: Therapieunterstützender Hund

Dass Hunde eine sehr positive Wirkung auf uns Menschen haben können, ist allgemein bekannt. Sie bauen emotionalen Stress ab, senken den Blutdruck und steigern unser Wohlbefinden. Dies ist sogar in wissenschaftlichen Studien bestätigt. Daher verwundert es nicht, dass sich der Mensch das durchaus zunutze macht. Zum Teil wirken sie durch ihre blosse Anwesenheit, oft werden sie aber ganz gezielt in die Therapie miteingebunden, um an einem bestimmten Ziel zu arbeiten. 

Einsatzbereiche:

  • Physiotherapie
  • Ergotherapie
  • Psychotherapie
  • Lerntherapie
  • Sprach- und Sprechtherapie
  • Heilpädagogik

Jacqueline Schmid, eine renommierte Psychotherapeutin, arbeitet seit 20 Jahren tiergestützt mit Hunden. Sie gibt uns einen Einblick in die faszinierende Arbeit.

In welchem Bereich setzt du deinen Therapiehund ein?
J. Schmid: «Ich arbeite psychotherapeutisch spezialisiert auf Traumatherapie.»

Was ist ein therapieunterstützender Hund

Abzugrenzen sind therapieunterstützende Hunde von Assistenzhunden. Diese werden für eine bestimmte Arbeit ausgebildet, bei der sie einen Menschen, der Hilfebraucht begleitet (z.B. Epilepsiewarnhunde). Therapieunterstützende Hunde werden in Therapiesituationen gezielt eingesetzt, um den Menschen zu aktivieren, motivieren oder anderweitig zu unterstützen. Sie leben bei ihrem Hundeführer, der in der Regel therapeutisch oder medizinisch tätig ist. Es gibt dabei aktive und reaktive Therapiehunde. Aktive Therapiehunde fordern aktiv den Menschen auf, etwas mit ihm zu tun oder beteiligen sich aktiv an der Therapiesituation. Ein reaktiver Therapiehund wartet eher ab und reagiert empathisch auf eine Situation (z.B. in der Psychotherapie). 

Therapiehunde werden sowohl in Einzel- als auch in Gruppentherapien eingesetzt. Sie arbeiten je nachdem mit Kindern, Erwachsenen und auch Senioren zusammen. Die Hunde sind in der Lage, auf die verschiedenen individuellen Eigenarten der Patienten einzugehen. Egal ob die Menschen sich schlecht bewegen, artikulieren oder ihre Emotionen beherrschen können, ob sie hibbelig, nervös oder ängstlich und verschlossen sind, therapieunterstützende Hunde urteilen nicht. Und das ist der grosse Schlüssel zum Erfolg. 

Was für Voraussetzungen müssen zukünftige Therapiehunde mitbringen?
J. Schmid: «Der Therapiehund soll menschenbezogen, bindungsfreudig und freundlich sein. Er soll seine Rangordnung im Menschenrudel akzeptieren und sich an der Hundeführerin orientieren. Der Therapiehund muss nervenstark, belastbar und mit einer gewissen Gelassenheit unterwegs sein.»

Auswahl

Bei der Auswahl für ein Therapiehund kommt es nicht so sehr auf die Rasse, sondern viel mehr auf den Charakter des Hundes an. Er soll ein offenes und freundliches Wesen und eine hohe Reizschwelle haben. Eine niedrige Aggressionsbereitschaft ist zudem eine wichtige Voraussetzung. Natürlich gibt es Rassen, die vermehrt als Therapiehunde eingesetzt werden. Zum Beispiel Golden Retriever, Labradore oder Pudel (zusätzlicher Vorteil, dass sie keine Haare verlieren). 

Merkt man von Anfang an, welche Hunde geeignet sind für diese Aufgabe?
J. Schmid: «Ich kann da einfach aus eigener Erfahrung berichten. Ich arbeite seit 20 Jahren tiergestützt mit meinen Golden Retriever Hunden (insgesamt zwei). Beide Hunde habe ich als Welpen zu mir genommen und so eine frühe Bindung aufgebaut. Beide habe ich mehrfach bei der Mutter besucht und beobachtet. Mir war wichtig, wie sich der Welpe seinen Geschwistern gegenüber verhält, z.B.  nicht vordrängen, kein Futterneid etc. Sein soziales Verhalten im Rudel mit den anderen Hunden, den Menschen und schliesslich auch mir persönlich gegenüber spielten auch eine Rolle. Beide meine Hunde sind spontan zu mir gekrochen und haben zu mir Kontakt gesucht und gehalten. Die Bindung zu mir ist entscheidend für die spätere Arbeit.»

Genauso wichtig wie der Charakter ist die Aufzucht. Ein Therapiehund muss viel Stress aushalten können und sehr gut sozialisiert sein. Eine Gewöhnung an viele verschiedene Begebenheiten und damit eine gute Sozialisation von Welpe an ist unerlässlich. Ebenso ist eine gute Erziehung Pflicht. Ein therapieunterstützender Hund muss zwingend einen guten Gehorsam mitbringen. Für den Hund ist es zudem essentiell, dass er sich auf seinen Besitzer verlassen kann. Daher gehört eine gute Bindung zu den Grundpfeilern einer gelungenen Therapiehundearbeit. 

Welche Rassen eignen sich als Therapiehunde?
J. Schmid: «Bewährt haben sich Hunderassen wie Magyar Vizsla, Labrador, Golden Retriever oder Pudel. Unerschütterlich sind auch die sanften Riesen wie Berner Sennenhund, Bernhardiner, Leonberger und Neufundländer. Eine meiner Kolleginnen arbeitet erfolgreich tiergestützt mit ihrer Schweizer Schäferhündin und eine andere Kollegin mit ihrem Australian Shepherd Rüden.»

Ausbildung

Wie bereits erwähnt beginnt die «Ausbildung» bereits im Welpenalter. Ein gutes Sozialverhalten ist ein Muss. Der Welpe soll aufgeschlossen gegenüber neuen Reizen und Menschen werden. So lernt er entspannt damit umzugehen. Die vertrauensvolle Bindung zum Besitzer wird ihm später die nötige Sicherheit in unangenehmen Situationen geben. Und ein guter Gehorsam macht den Hund lenkbar. Zudem kann er so aktiv in die Therapie miteinbezogen werden. Es gibt verschiedene Ausbildungsstellen, die die Hunde meist ab zwei Jahren dann gezielt ausbilden. Am Schluss werden Prüfungen abgelegt, um die Einsatzfähigkeit der Hunde zu bestätigen. 

Arbeit

Da die Hunde in unterschiedlichen Therapiearten eingesetzt werden, sind auch die Anforderungen sehr unterschiedlich. Auch wenn es easy aussieht, wenn ein Hund sich einfach zu einem Patienten legt und sich bürsten lässt, oder wenn er ein Schaumstoffwürfel apportiert, jede Therapieeinheit ist Arbeit für den Hund! Er soll sich ruhig verhalten, muss sich konzentrieren und beweist immer wieder eine gute Impulskontrolle. Hunde können einen emotionalen Support für die Menschen sein. Das heisst, dass die pure Anwesenheit eines Hundes Menschen bereits entspannen kann. Ihre gelassene Art und ihre Körperwärme, das weiche Fell und ein kleiner Stupser bewirken im Menschlichen Körper so viel. Man entspannt sich, das Bindungshormon Oxytocin wird beim Streicheln des Hundes ausgeschüttet. Dadurch werden sie empathischer, ruhiger und glücklicher. Der Hund kann auch ein toller Motivator sein. Viele Menschen tun lieber etwas für ein Tier als für einen anderen Menschen. Und alle Hundebesitzer können am besten nachvollziehen, dass die Arbeit mit einem Hund einfach viel Spass macht. Die Freude des Hundes, wenn er etwas tun darf, schwappt automatisch auf die Menschen über. 

Worauf muss man achten, wenn man einen Hund als Therapiehund einsetzt?
J. Schmid: «Es ist entscheidend, sich den Bedürfnissen der Patient:in anzupassen (das ist ja sowieso eine Grundregel in der psychotherapeutischen Arbeit, man nennt das «Pacing»). Ich betreue zwei Patient:innen, die den Hund nicht ertragen. Für die Stunden mit diesen Menschen kann Ayla im Auto ausruhen.
Ganz wichtig ist, dass der Hund nicht überfordert ist. Die Therapieassistenz ist für den Hund mental (Konzentration) und emotional sehr anstrengend. Ein Ausgleich ist da sehr wichtig. Zeiten, in denen der Hund einfach Hund sein darf: Stöbern, spielen, auch mit anderen Hunden, einfach sein.»

Hunde sind einfach toll. Sie nehmen schon kleinste Stimmungsveränderungen war und können je nachdem sehr empathisch und vor allem vorurteilsfrei darauf reagieren, was dem Menschen viel Trost und Zuversicht spenden kann und ihm neuen Mut gibt. Gerade in schwierigen Situationen ist die Zuneigung des Hundes Gold wert. 

Die Arbeitsbedingungen sollten für den Hund so angenehm wie möglich gemacht werden. Stressoren muss man auf das auf das Minimum reduzieren, damit der Hund eine zuverlässige Arbeit leisten kann. So macht ihm die Arbeit auch Spass. Die Einsatzzeit eines Therapiehundes ist je nach Situation und je nach Hund sehr unterschiedlich. Da kann man keinen Richtwert voraussetzten. Wichtig bleibt, dass der Hund immer genügend Erholung bekommt und sich wohlfühlt. Da gehört ein grosses Wissen seitens des Hundehalters dazu. Er muss seinen Hund sehr gut kennen und erkennen, wenn der Hund nicht einsatzfähig ist. Auch während der Therapie kann es einem Hund mal zu viel werden. Dieser ist darauf trainiert, dass er dies anzeigt. Der Hundeführer muss daher die Körpersprache genau lesen und auf allfällige Signale reagieren. So bleibt das Vertrauen bestehen. 

Ein Hund, der in therapeutisch arbeitet, muss gesund sein. Er sollte die nötigen Impfungen haben und entwurmt sein. Gerade in medizinischen Institutionen oder im Umgang mit Risikopatienten ist das unabdingbar.

Was ist die Aufgabe deines Hundes in der Therapie?
J. Schmid: «Die Aufgaben sind unterschiedlich. Sie reichen von einfach ruhig da sein und ab und zu mit mir und/oder der Patient:in Kontakt aufnehmen, über trösten und unterstützen, bis hin zu reorientieren aus dissoziativen Zuständen (Patient:innen, die wegdriften oder das Bewusstsein verlieren). Ayla spürt praktisch immer von selbst, wenn sie gebraucht wird. Je nachdem was für die betreffende Person in Ordnung ist (das wird vorgängig abgesprochen) «arbeitet» Ayla mit stupsen, lecken, sich auf die Füsse legen, sich stützend hinter die Person legen oder sich einfach in die Nähe setzen, so dass die Patient:in sie berühren kann. Ayla bietet sehr oft das Richtige an, ich führe sie aber natürlich auch und vermittle manchmal zwischen Hund und Patient:in. Manchmal muss ich Ayla auch etwas «bändigen» wenn sie zu viel will, zu stürmisch oder zu nahe ran geht. Es ist ein Teamwork mit ihr, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse der Patient:in.»

Freizeit

Ein Hund, der arbeitet, muss auch seine Freizeit haben – quasi eine Work-Life-Balance. Denn ein Hund soll in erster Linie «Hund» sein dürfen. Um die psychisch anstrengende Arbeit in der Therapie leisten zu können, braucht der Hund regelmässige Pausen und einen guten Ausgleich. Er muss seinen natürlichen Bedürfnissen nachgehen können und auch ausserhalb der Arbeit die Beziehung zu seinem Menschen pflegen können. 

Zwischen den Therapieeinheiten und auch abseits des Arbeitsplatzes muss ein Hund sich genügend Erholung verschaffen können. Dafür braucht er Ruhe und eine artgerechte Auslastung.

Wie lange und wie oft ist dein Therapiehund im Einsatz?
J. Schmid: «Ayla ist praktisch immer dabei, wenn ich vor Ort mit den Menschen arbeite. Ich achte aber darauf, dass ihre Arbeitstage nicht 6 Stunden überschreiten. Es gibt ausgiebige Mittagspausen mit langen Spaziergängen und genügend Pausenzeit zwischen den Sitzungen, wo etwas gespielt oder einfach geschnüffelt werden darf. Wir arbeiten ca. 3 Tage pro Woche «am Menschen».»

Was war bisher dein schönstes Erlebnis mit deinem Therapiehund?
J. Schmid: «Mein schönstes und intensivstes Erlebnis war, als eine Patientin in der Stunde in eine dissoziative Ohnmacht fiel und es mir nicht gelang, sie relativ schnell wieder zu reorientieren (beleben). Ayla hatte gedöst und mich machen lassen. Ich bat Ayla aktiv um Hilfe. Sie ging hin zur regungslos erschlafft im Sessel liegenden Patientin, stupste ihre Hand, leckte sie. Die Frau bewegte sich etwas, war aber immer noch nicht bei Bewusstsein. Da stand Ayla auf ihre Hinterbeine und legte sich auf den Schoss der Frau. (Es war vorgängig mit der Patientin besprochen gewesen, dass das in Ordnung ist.) Nun wurde die Atmung der Frau nach und nach kräftiger, sie blinzelte, legte ihre Hand ins Fell von Ayla, roch an ihr und kam langsam wieder zu sich. Die beiden schauten sich an, die Frau lächelte und Ayla blieb noch eine kleine Weile in dieser Position, während die Frau sie krault. Das war unendlich berührend. Ich hätte sicher viel länger gebraucht, die Frau ins «Jetzt zu holen» und es wäre viel anstrengender gewesen für alle.»

Hunde leisten eine wertvolle Arbeit in der Therapie. Für mich ist es unverständlich, wie zum Teil tiergestützte Therapien immer noch belächelt werden können, obwohl der positive Effekt ganz klar bewiesen ist. Ich hoffe, dass die Methode immer weiteren Zuspruch erfährt, damit wir mit unseren treuen Gefährten noch vielen Menschen das Leben etwas leichter machen können. 

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