Hyperaktivität

Hyperaktivität

Myriam Koller
1.9.22

Hyperaktivität bei Hunden ist leider ein Thema, das in den letzten Jahren an Brisanz gewonnen hat. Das hat verschiedene Ursachen. Welche genau, schauen wir uns in diesem Blog an. 

Die meisten wollen nur das Beste für ihren Vierbeiner. Doch was ist eigentlich das Beste? Ist er glücklich, wenn er immer alles möglich bekommt, das er möchte, wenn er besonders viel erlebt, draussen ist und immer unsere Aufmerksamkeit hat? Viele denken, dass ihr Hund glücklich ist, wenn er non-stop dem Ball nachjagen kann. Schliesslich kann er davon nicht genug kriegen und wedelt immer mit dem Schwanz. Oder wenn Besuch kommt, mag er sich gar nicht hinlegen, weil er bei allen vorbei muss, um sich streicheln zu lassen. Das gefällt dem Hund offensichtlich. Doch ist ein Hund, der ständig unter Strom steht wirklich ein glücklicher Hund? Hyperaktivität ist ein Problem, das nicht von ungefähr kommt. Trotz der diversen Ursachmöglichkeiten ist meist der Mensch direkt oder indirekt der Verursacher. Wir können also selbst sehr viel dazu beitragen, dass unsere Hunde nicht in dieses Verhalten hineingeraten. 

Symptome

Zuerst ist wichtig zu wissen, wo die Hyperaktivität beginnt. Dass ein Hund mal viel Energie hat oder aufgedreht ist, ist ganz normal. Hyperaktivität ist ein Dauerzustand, von dem der Hund nicht wegkommt. Hunde, die schier endlose Energie haben, sind ein ganz anderes Kaliber als solche, die ab und zu ihre schwachen fünf Minuten haben und über die Wiese flitzen. Hunde, die nur selten bis gar nicht zur Ruhe kommen, immer alles im Blick haben müssen oder dauerbeschäftigt sein möchten, das sind Hunde, die definitiv ihr Aktivitätsbedürfnis nicht mehr unter Kontrolle haben. Wird diesem Verlangen nach immer mehr Action nachgegeben, pusht sich der Hund immer weiter hoch. Er kommt regelrecht in einen Rausch – eben in die Hyperaktivität. 

Bei solchen Hunden sammeln sich die Stresshormone im Körper an. Dies passiert, weil sie zu wenig Ruhephasen haben, in welchen sich normalerweise diese Hormone abbauen können. Verhaltensprobleme wie Angstzustände, destruktives Verhalten oder Aggression, und ein geschwächtes Immunsystem können die Folge sein. Sie können sich nicht selbst regulieren und werden oft reaktiv. Ihnen fehlt es an Impulskontrolleund Frustrationstoleranz. 

Ursachen

Hyperaktive Hunde haben einen gestörten Dopamin-Haushalt. Ein möglicher Auslöser für hyperaktives Verhalten ist die Genetik. Einerseits haben die Verhaltensweisen von den Elterntieren einen hohen Einfluss auf ihre Jungtiere. Ist die Mutterhündin unruhig oder leidet sie permanent unter Stress, wird dies bereits an die Welpen im Mutterleib weitergegeben. Diese sind in aller Regel ebenfalls weniger stressresistent. Auch wenn die Welpen zu früh von der Mutter getrennt werden, hat dies schwerwiegende Folgen für die Hunde. Diese «Prägung» der Gene, kann man bis zu drei Generationen weiter noch erkennen. Es sind also nicht nur unbedingt die direkten Nachfahren betroffen. 

Genetisch bedingte Hyperaktivität kommt aber leider nicht «nur» von gestressten Elterntiere. Wir Menschen züchten Rassen gezielt auf Hochleistung, Arbeitswille, Sensibilität und Ausdauer. Wenn ein Hund noch seiner ursprünglichen Arbeit nachgehen darf, kann der Hund meist seine angezüchtete Energie entsprechend verwenden. Doch wie viele unserer Hunde sind tatsächlich noch im «Einsatz»? All die Jagd- oder Hütehunderassen zum Beispiel. Welcher Labrador wird tatsächlich noch jagdlich geführt? Das soll nicht heissen, dass ein Labrador aus einer Arbeitslinie hyperaktiv wird, nur weil er keine Enten mehr apportieren darf. Doch man sollte sich bewusst sein, dass so ein Hund eine sinnvolle Aufgabe braucht und nicht unter- aber eben auch nicht überfordert, sprich überreizt, werden darf. Und genau Arbeitshunde neigen dazu, sehr reizempfänglich zu sein, weil sie ja im Einsatz auch möglichst viele Reize wahrnehmen müssen. 

Ein extremes Beispiel für genetisch bedingte Hyperaktivität ist die Zucht des belgischen Schäferhundes -dem Malinois. Im Rassebeschrieb tauchen Merkmale wie «übersprudelnde Lebhaftigkeit» oder «stets aktionsbereit» auf. Der Hund wird also gezielt auf solche Eigenschaften hin gezüchtet. Er nimmt jeden Reiz war und reagiert entsprechend. Abschalten kennt ein Malinois praktisch nicht. 

Man kann also sagen, werden Hunde falsch gezüchtet, gehalten und sozialisiert, kann das katastrophale Folgen für den Hund und seine Umwelt haben. Ein Grund mehr sich genau zu überlegen, welchen Hund man gerne hätte und woher man den bekommt. 

Ein weiterer Grund für hyperaktives Verhalten kann die Ernährung sein. Zum Beispiel durch zu viele Kohlenhydrate oder zu viel Eiweiss im Futter, kann der Hund hyperaktiv werden. 

Die Erziehung und die Haltung spielen auch eine sehr grosse Rolle bei hyperaktiven Hunden. Viele Menschen meinen es gut und möchten ihren Vierbeinern alles bieten. Dabei übersehen sie, dass weniger manchmal mehr ist. Ein Hund muss nicht täglich ein durchgetakteter Tagesplan haben. Wie viel und welche Auslastung ein Hund braucht, ist sehr individuell. Doch gerade für Hunde, die schnell aufgedreht sind und wenig zur Ruhe kommen, brauchen oft weniger Action. Man versucht die Hunde «müde» zu kriegen, in dem man alle möglichen Hundegruppen besucht, auf der Hundewiese den Vierbeiner «austoben» lässt oder täglich Fahrrad mit ihm fährt. Doch alles, was man durch solche Aktionen erreicht ist, dass der Hund noch mehr Energie aufbaut und immer eine grössere Erwartungshaltung bekommt. Zudem baut sich der Stress des Hundes immer mehr auf, weil er das Erlebte gar nicht verarbeiten kann. 

Zu einer Überstimulation an Reizen kommt es dann, wenn der Hund nicht ignorieren kann, was rundeherum geschieht, gepaart mit zu vielen dargebotenen Reizen und zu wenig Ruhezeiten. Hunde brauchen viele Ruhephasen. Sie haben meist einen leichteren Schlaf als wir und benötigen deswegen viel mehr davon. Was mit einem Körper und einem Gehirn passiert, die ständigem Stress ausgesetzt sind, muss ich wohl nicht ausführlich erläutern. 

Nur weil ein Hund mal aufdreht, heisst es nicht, dass er hyperaktiv ist.

Eine geringe Frustrationstoleranz kann ebenfalls zu einer Überreizung führen. Ein Hund, der nicht gelernt hat zu verzichten, Situationen auszuhalten oder nicht dran zu sein, hat es schwer. Er wird immer ungeduldiger und nervöser, was wiederum in eine Hyperaktivität ausschlagen kann. Solche Hunde leiden ebenfalls unter starkem Stress. 

Zu guter Letzt steht die Konditionierung im Fokus. Wenn man sich selbst mal genau beobachtet, ertappt man sich dabei, wie man dem Hund mehr Aufmerksamkeit schenkt oder sich mehr beeilt, wenn er drängelt, fiept oder sich allgemein nervös verhält. Mit so Kleinigkeiten kann ein Hund lernen, dass es sich lohnt, nervös zu sein und wird dieses Verhalten immer mehr zeigen. 

Wenn man also einen Hund hat, der zu Hyperaktivität oder nervösem, unruhigen Verhalten neigt, sollte man die möglichen Ursachen eruieren. Oft ist es ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren.

Immer alles zu kontrollieren ist auch Stress für den Hund. Er kommt nicht zur Ruhe.

 

Was tun?

Hunde müssen genügend Ruhephasen haben. Hunde, die sehr reizempfänglich sind umso mehr. Nur so haben sie eine Chance, ausgeglichen zu sein. Ruhetraining zahlt sich bei allen Vierbeinern aus. Man sollte möglichst früh damit beginnen. Denn so kann man nicht nur hyperaktiven Hunden helfen, sondern auch einer drohenden Hyperaktivität entgegenwirken. Zu beachten ist, dass auch Abschalttraining zwar effektiv ist, aber sehr anstrengend sein kann für den Hund. Egal bei welchem Training, sollte man nie zu viel verlangen. 

Hunde, die schnell hochdrehen kann man gut mit ruhigen Beschäftigungen fordern. Den Kopf auszulasten ist wichtiger, als den Körper müde zu machen. Zumal letzteres bei vielen Hunden echt schwierig werden kann. Auch eine ausgewogene, angepasste Fütterung kann helfen, den Hund in richtige Bahnen zu lenken. 

Konsequente Erziehung und ein durchdachtes Beschäftigungskonzept decken viele Bedürfnisse der Hunde ab. Hunde müssen lernen ihre Konzentration zu kanalisieren und wichtige Reize von unwichtigen zu unterscheiden. So können sie Reize filtern und werden nicht regelrecht überfahren. Routine im Alltag gibt den Hunden Strukturen vor, an denen sie sich orientieren können. Das verschafft ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Sie brauchen das richtige Mass an Beschäftigung und Auslauf. Ruhiges Verhalten sollte belohnt, aufgeregtes Verhalten ignoriert werden. 

Ein Hund soll seinen Bedürfnissen entsprechend ausgelastet werden. Er muss danach aber auch wieder ruhen können.


Hunde, die ständig unter Stress stehen, sind nicht glücklich und können sogar krank davon werden. Wenn man also das Gefühl hat, dass sein Hund ein Problem haben könnte, sucht man sich am besten einen erfahrenen Hundetrainer und schaut die Symptomatik an. Ein Alltag mit einem ausgeglichenen Hund ist für alle entspannter, sicherer und schöner.