Leinenpöbler

Das Duell auf offener Strasse zwischen zwei Hunden ist schon lange kein seltenes Bild mehr. Hunde, welche regelrecht ausrasten, wenn sie angeleint auf Artgenossen treffen, sind auch für die Besitzer eine grosse Belastung. Oft hört man von verzweifelten Haltern, die nur noch nachts raus gehen oder weit rausfahren, damit sie bloss niemandem begegnen. In diesem Blog klären wir die Ursachen für dieses Verhalten und mögliche Trainingsansätze für dieses Problem. 

Ursachen

Für pöbelnde Hunde an der Leine gibt es verschiedene, komplexe Ursachen. Was alle gemeinsam haben ist, dass sie beim Überschreiten der Individualdistanz das aggressive Verhalten ausgelöst werden. Wie es aber der Begriff schon sagt, ist diese Distanz sehr individuell gross. Für einige Hunde ist es so weit, wenn sie sehr nah an anderen Hunden vorbei gehen müssen. Andere Hunde wiederum bellen sich bereits in Rage, wenn sie nur schon einen anderen Hund am Horizont erspähen. So oder so sollte man das Verhalten des Hundes ernst nehmen.

Aggression gegenüber Hunden
Hunde, die generell ein Problem mit Artgenossen haben, finden diese auch an der Leine nicht plötzlich super. Das heisst, dass bei einer gesteigerten Aggression das Aufeinandertreffen mit einem anderen Hund immer schwierig ist. 

Unsicherheit
Wenn ein Hund generell unsicher ist oder schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann es dazu führen, dass er an der Leine mit Aggression auf andere Hunde reagiert. Hierbei spricht man von der «Flucht nach vorne». 

Frustration
Hunde erfahren Frust an der Leine. Diese staut sich mit der Zeit an und der Hund entlädt seinen Frust durch Aggression. 

Dies ist eine einfach gehaltene Auflistung, woran es bei der Leinenaggression liegen könnte. In den meisten Fällen ist das Problem allerdings vielschichtig. Dieses wächst aber in der Regel langsam an und entsteht nicht von heute auf morgen. Hier lohnt es sich, seinen Hund immer genau zu beobachten. Je früher man die Anzeichen für eine beginnende Leinenaggression erkennt, desto eher kann man dagegen arbeiten und es gar nicht so weit kommen lassen.

Erste Anzeichen:

  • Übertriebenes Meideverhalten/Fluchtverhalten
  • Anstarren/Fixieren
  • Erregung (Nackenhaare aufstellen, Rute hochtragen, Winseln…)
  • Imponiergehabe (Steifer Gang, aufplustern…)
  • Drohverhalten (Knurren, Anpirschen…)
  • Allgemeine Unruhe bei Begegnungen mit Artgenossen
So fängt es oft an…

Früh übt sich…. Als neuen, stolzen Hundebesitzer nimmt man sich so viele Dinge vor, die der Hund lernen soll. Doch andere Hunde an der Leine zu ignorieren gehört meistens nicht dazu. Und das, obwohl man, wenn der Hund erwachsen ist, nicht zu jedem Hund hingezogen werden möchte. Aber bei Welpen ist das schliesslich niedlich, wenn er sich so über Artgenossen «freut». So wird Hunden von klein auf ein übersteigertes Interesse an Artgenossen beigebracht. Zudem können die Hunde angeleint nicht frei kommunizieren, was zu Missverständnissen führen kann. Hundekontakt an der Leine sollte also von Anfang an vermieden werden, damit der Hund lernt, dass er an der Leine den Fokus nicht auf andere Hunde legt, dass er keine negativen Erfahrungen sammelt und keinen Frust aufbaut, weil er manchmal die Erwartungshaltung «zum anderen Hund zu dürfen» nicht erfüllt bekommt. 

Hundekontakt an der Leine? Eigentlich ein No-Go!

Aggression an sich ist nicht per se als negatives Verhalten zu werten. Sie gehört zu den natürlichen Emotionen, welche Platz haben sollte im normalen Ausdrucksverhalten. Das Verhältnis und die Kontrolle dieser Emotionen sind aber immer massgebend. Ein Hund soll sagen dürfen, wenn ihm ein anderer Hund zu nahe ist oder der ihm nicht passt. Die Aggression sollte aber kontrolliert ausgedrückt werden können und nicht überborden. Aggression ist in der Regel eine Bewältigungsstrategie von Stress. Was für ein Stress das ist, kann von Hund zu Hund variieren. Unsicherheit, Schmerz, Überforderung, Unausgeglichenheit oder Frust sind nur ein paar Gründe. Das doofe dabei ist, dass Hunde mit aggressivem Verhalten oft gute Erfolge erzielen. Das heisst, sie lernen sehr schnell, dass sich aggressives Verhalten lohnt. Und wieso soll der Hund eine Verhaltensstrategie ändern, die ihm das gewünschte Ergebnis einbringt? 
An der Leine ist dies genauso. Hier kommen zusätzlich die Hormone ins Spiel. Für gewisse Hunde entwickelt sich regelrecht einen Kick, wenn sie in die Leine donnern. Das Adrenalin pusht sie immer weiter hoch und lässt jeden noch so kleinen Funken explodieren. 

Oft werden die Leute aber erst aktiv, wenn das Verhalten sich schon lange gefestigt hat. Dies erschwert das Training, unter anderem auch, weil die Besitzer nach einem langen Leidensweg das Verhalten des Hundes zusätzlich negativ beeinflussen. Dies kann durch ein Gefühl der Unsicherheit und Hilflosigkeit sein, aber auch Angst ist oftmals ein Teil des Ganzen. Die Stimmung des Halters überträgt sich auf den Hund und dieser reagiert noch extremer. 

Hunde, die an der Leine randalieren haben oft unangeleint kein Problem mit Artgenossen. Sie haben bloss eine lästige Strategie entwickelt, wie sie den Stress, den sie an der Leine empfinden, wenn sie auf Artgenossen treffen, abbauen können. 

Wie oben bereits erwähnt spielen Unsicherheit und Frust eine grosse Rolle bei sogenannten Leinenpöblern. Bei ängstlichen und unsicheren Hunden haben andere Strategien wie Vermeiden nicht die gezielte Wirkung gezeigt. Beim ständigen Unterschreiten ihrer Individualdistanz werden sie immer ratloser und wählen irgendwann den Weg nach vorne. Bewährt sich dieses Verhalten, wird dies mit jeder Hundebegegnung noch verstärkt. Sie bauen mit der Leinenaggression Stress ab, schaukeln sich aber gleichzeitig immer weiter hoch. Machen Hunde negative Erfahrungen durch schlechte Hundebegegnungen an der Leine oder einen körperlichen Schmerz (Verletzung) im falschen Moment, verknüpfen sie dies generell mit Hunden und können so ebenfalls Aggressionen aufbauen, um die Situation vermeintlich zu überstehen. Diese Fehlverknüpfungen müssen mit Training wieder «überschrieben» werden. 

Frust, das kennen wir selbst nur zu gut, ist in einem individuellen Mass aushaltbar. Doch kommt zu viel zusammen, bringt eine Situation das Fass zum Überlaufen. Hunde haben gelernt, jeden Hund, der vorbeikommt zu kontrollieren oder zu begrüssen. Dürfen sie dies nicht mehr, kommt Frust auf. Häufen sich diese Situationen, kann der Hund seinen Frust irgendwann nicht mehr kontrollieren. Auch Langeweile und Überforderung mit der Situation (z.B. Kontrollfreaks) können eine Leinenaggresion hervorrufen oder verstärken.

Training

Bevor ein Training starten kann, muss immer erst die Ursache für die gesteigerte Aggression an der Leine ausgemacht werden. Wichtig sind aber in jedem Training eine gute Führung und Ruhe bewahren! So vermittelt man dem Hund Sicherheit. 

Es geht nie darum, den Hund abzulenken. Denn ist ein Hund leinenaggresiv, ist er bereits so eingeschossen auf das Gegenüber, dass er den Hund gar nicht mehr ausblenden kann. Es geht darum, dass der Hund lernt, die Situation auszuhalten. Um dies zu erreichen, gibt es verschiedene Wege. Um den richtigen für euch zu finden, solltet ihr einen professionellen Trainer zu Rate ziehen.

Bei mehreren Hunden stiftet oft einer Unruhe und der Rest folgt ihm.

Nicht ablenken aber umlenken ist oft die Devise. Der Fokus sollte auf dem Besitzer liegen, nicht mehr auf dem Hund. Das heisst aber nicht, dass der Hund den anderen nicht sehen darf oder soll. Denn nur so kann er lernen, ein alternatives Verhalten in der realen Situation zu zeigen. Verschiedene Impulskontroll- und Frustrationsübungen können helfen. 
Um Hunde an der Leine wieder positiv zu verknüpfen, wird auch oft mit «Klick für Blick» gearbeitet. Damit das nicht in einen Starr-Wettbewerb ausartet sollte diese Methode von einem Trainer eingeführt werden. 

Wie immer gilt es auch bei diesem Training, dass die Reize erst langsam gesteigert werden sollten. Der Reiz nimmt mit der Distanz ab. Gibt man dem Hund die Chance, die Situation in seiner Individualdistanz neu und positiv zu bewerten, kann man kleinschrittig Fortschritte erzielen. Zusätzlich können Entspannungsübungen helfen.

Ein weiterer Schritt ist es, dem Hund eine Aufgabe zu geben. Auch hier wird dies oft als Ablenkung verstanden. Richtig durchgeführt bekommt aber die Situation so für den Hund eine positive Bewertung. In unserem Workshop «Hundebegegnung» und im Begegnungstraining werden all diese Sachen thematisiert. Dort lernt man, wie entspannte Hundebegegnungen aussehen und wie man sie mit dem eigenen Hund erreicht. 

Management

Den eigenen Hund realistisch einschätzen ist unerlässlich. Es wird auch nicht besser, wenn man sich die Situation schönredet. Hat man einen sehr aggressiven Leinenrambo, kann es auch helfen, ihm einen Maulkorb anzulegen, um vorübergehend für einen selbst die Situation zu entschärfen. Dies ersetzt kein Training! Aber es kann dem Halter wieder mehr Sicherheit bei Hundebegegnungen geben, was sich auch auf den Hund überträgt. Ausserdem schützt man so andere Hunde und ihre Besitzer. 

Freude kann ganz schnell in Frust umschlagen, wenn eine Erwartungshaltung nicht erfüllt wird.

Wenn man sich früh genug um das Problem der Leinenaggression bemüht, kommt die Situation gar nicht zum Eskalieren. Mir hat es geholfen, bereits präventiv ein Seminar zur Leinenaggression zu besuchen. Bis heute ist meine Hündin überhaupt nicht aggressiv an der Leine gegenüber anderen Hunden, obwohl sie eher unsicher ist. Ich habe gelernt, auf welche Zeichen ich achten muss und wie ich schon früh eingreifen kann. 
Begegnet man jemandem mit einem leinenaggressiven Hund, kann man auch von aussen helfen, indem man Rücksicht nimmt, Platz schafft und beide nicht verurteilt. Zudem ist es nie verboten, ein Lächeln zu schenken… Vielleicht kann man sich sogar als Trainingspartner anbieten. Die Welt ist schon kompliziert genug für unsere Hunde, wieso nicht einfach mal helfen.

Jeder bekommt den Platz, den er braucht – auch auf dem Blickwinkler-Spaziergang.

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