Botenstoffe im Training

Wir haben nun schon viel über die verschiedenen Botenstoffe gelernt. Das ganze Zusammenspiel wirkt sehr kompliziert und etwas unberechenbar. Die Ausschüttungen werden von vielen Faktoren beeinflusst. Doch kann man Botenstoffe auch konkret steuern?

Man kann!

Ja, das Steuern von Botenstoffen, respektive das gezielte Einsetzen, ist bedingt möglich. Natürlich müssen die Umweltreize und die körperliche Voraussetzung gegeben sein. Besonders im Training und in der Verhaltenstherapie kann diese Methode durchaus unterstützend wirken, wenn sie richtig angewendet wird. Hier gehört einiges an Fachwissen und Verständnis dazu, damit man alle Faktoren beachten und richtig einordnen kann.

Stress

Dass negativer Stress ungesund ist, dürfte jedem bewusst sein. Im Training hat Stress immer schlechte Folgen. Denn Stresshormone haben einen grossen Einfluss auf die Grosshirnfunktion. Das heisst, dass bei einem Überschuss dieser Botenstoffe das Hirn und die Denkfunktion „lahm gelegt“ werden. Unter Stress lernen die Hunde weniger gut bis gar nicht. Sie können sich nicht konzentrieren und sind nicht aufnahmefähig. Das heisst, dass das Lernverhalten sich unter stressigen Bedingungen extrem verlangsamt und das Geübte nur bedingt gespeichert werden kann. Auch die Selbstkontrolle leidet bei Stress. Da fällt es dem Hund zum Beispiel schwer, bei der „Bleib“-Übung liegen zu bleiben und steht eventuell auf. Bei Stress wird der Hund nervös, versucht die überschüssige Energie mit Übersprungshandlungen abzureagieren und gerät im schlimmsten Fall ausser Kontrolle, weil er auf kein Zeichen mehr reagiert. Er kann ja aber auch gar nicht mehr reagieren. Sein Gehirn lässt es nicht zu. Deswegen ist es sinnvoller einem gestressten Hund eine Pause zu gönnen und erst das Training wieder aufzunehmen, wenn er sich beruhigen konnte.

Nur wer nicht gestresst ist, kann auch gut trainieren.

Auslöser für Stress im Training:

  • Individualdistanz unterschritten (durch andere Menschen oder Hunde)
  • Neue Umgebung
  • Neue Hund-Mensch-Teams
  • Laute/unbekannte Geräusche
  • Bewegungsreize
  • Hunger/Durst
  • Wetter/Klima
  • Schmerzen
  • Reizüberflutung
  • Überforderung
  • Langeweile
  • Bestrafung
  • Druck
  • Frustration
  • Angst

(Diese Liste ist nicht abschliessend)

Trailen

Bei Angst oder Aggression empfiehlt Sandra das Trailen als Beschäftigung. Hier passiert viel über Botenstoffe.
Man unterteilt den Trail in 3 Sequenzen: Start, Trail, Ende. Vor dem Start freuen sich die Hunde bereits auf die bevorstehende Arbeit. Dabei schütten sie Dopamin, der Belohnungsbotenstoff, aus. Durch die Kombination Dopamin und Noradrenalin wird das kommende besonders gut abgespeichert und der Lerneffekt ist gross. Der Cortisol-Spiegel (Stresshormon) senkt sich gleichzeitig. Die Vorfreude wächst und der Dopamin-/Noradrenalin-Mix gibt ihnen einen Kick um gut in die Arbeit zu starten. Bei der Arbeit steigt dann der Oxytocinwert und die Endorphine-Konzentration. Cortisol wird weiter reduziert. Das Ganze hilft, auch noch Serotonin auszuschütten. Der Hund fühlt sich bei der Arbeit also richtig gut, kann sich konzentrieren und die Bindung zum Menschen festigt sich auch. Am Ende des Trails sichert das Dopamin die Erfahrung und das Gelernte. Der Serotonin-Spiegel steigt noch weiter an und erzeugt einen glücklichen Hund (nach dem Trail ist vor dem Trail). Die Arbeit ist extrem selbstbelohnend, fördert die Bindung und kann einen Hund selbstsicherer machen.

Trailen macht glücklich und selbstbewusst.

Jagen

Viele haben einen jagdlich ambitionierten Hund zu Hause. Jagen versetzt die Hunde in einen Gefühlszustand des vollkommenen Glücks. Sie sind wie benebelt und in einem totalen Rausch, was auch erklärt, wieso sie so schlecht ansprechbar sind, wenn sie in den Jagdmodus verfallen. Dopamin ist einer der Hauptakteure in diesem Zustand. Es lässt alles andere vergessen (Hunger, Durst, Müdigkeit….). Der Zustand wird oft mit dem eines frisch verliebten Menschens verglichen. Diese sind auch in ihrer eigenen Welt, können nicht schlafen und essen, sind aber über die Massen glücklich und leicht verklärt.

Die Gefühle bei einer Jagdsequenz explodieren förmlich.

Beim Jagen besteht eine grosse Suchtgefahr durch den ausgeschütteten Hormon-Cocktail. Es entsteht ein Hochgefühl, ein Rauschzustand und ist sehr selbstbelohnend (auch wenn er keine direkte Beute macht). Dieser versetzt den Körper auch in kürzester Zeit in einen Zustand, in dem er seine maximale Leistungsfähigkeit abrufen kann. Der Herzschlag steigt und die Durchblutung wird gefördert.

Der Jagdtrieb ist in den Genen enthalten und lässt sich deshalb nicht wegtrainieren, sondern nur kontrollieren. Im Training bringt man dem Hund ein alternatives Jagdverhalten bei. Die Alternative muss dabei den genau gleichen Botenstoff-Cocktail hervorrufen wie das „echte“ Jagen. Der Hund lernt so, dass Jagen mit dem Besitzer zusammen super ist, das andere Jagen nicht.

Aggression

Es gibt viele verschiedene Aggressions-Arten (Territorial-Aggression, Ressourcen-Aggression, defensive oder offensive Aggression….) und auch viele Auslöser. Aggression als Oberbegriff betrachtet, schüttet Adrenalin, Noradrenalin und ein wenig Dopamin (gibt den Kick) aus. Dazu kommen Cortisol und Serotonin, welche unangenehme Gefühle wie Schmerz einfach ausblenden.
Auch hier kann man mit den Gegenspielern der negativen Botenstoffe im Training entgegenwirken. Es ist aber zu beachten, dass es besonders bei Aggression ein ganzheitliches Training braucht und die Beeinflussung der Botenstoffe nur ein Teil des Puzzles ist.

Botenstoffe können im Training also sehr hilfreich sein, wenn man sie richtig einzusetzen weiss. Am besten immer mit einem erfahrenen Trainer die Möglichkeiten eruieren und unterstützend ins Training einbauen.  

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