Hund als Kinderersatz

Hund als Kinderersatz

Myriam Koller
29.9.22

Ein kontroverses Thema möchte ich heute diskutieren. Der Stellenwert unserer Haushunde hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Die meisten sind mehr Gefährten und Familienmitglieder als Arbeitshunde. Sie wohnen bei uns im Haus, sind immer mit dabei und schlafen manchmal sogar bei uns im Bett. Die Ausgaben für Haustiere und insbesondere Hunde steigen jährlich. Nicht etwa, weil ein Hund immer mehr kostet, sondern weil wir uns den Luxus leisten, den Hund immer mehr zu verwöhnen. Doch wo ist die Grenze zwischen Verwöhnen und Vermenschlichen?

Unsere Welt ist eine nicht ganz einfache. Immer mehr Menschen haben Mühe, sich darin zurecht zu finden und suchen eine Alternative. Hunde sind schon seit Langem treue Weggefährten von uns Menschen. Daher überrascht es wenig, dass wir bei ihnen Zuflucht suchen. Hunde sind ja auch toll und können sich dem Menschen super anpassen. Sie bringen Freude und Lebendigkeit in unseren Alltag. Es spricht auch nichts dagegen den Hund zu verwöhnen und ihm ein schönes Leben bieten zu wollen. Schliesslich sorgen wir uns gerne um andere und haben die nötige Empathie, um auch unseren Haustieren gut Sorge zu tragen. Wir wollen, dass sie ein schönes Leben führen können. Kritisch wird es dann, wenn wir ihnen kein artgerechtes Leben ermöglichen möchten, sondern ihnen ein Leben aufzwingen, welches wir uns für sie wünschen, es aber nicht ihren Bedürfnissen entspricht.

Im Klartext heisst das, sobald der Mensch dem Hund menschliche Züge oder Charaktereigenschaften zuspricht, redet man von Vermenschlichung. Ab diesem Zeitpunkt hat man Erwartungen an den Hund, die er nicht erfüllen kann. Das ist nicht mehr Tierliebe, sondern einfach nur unfair.

Oft interpretieren wir Dinge in das hündische Verhalten hinein. Zum Beispiel haben gewisse Situationen den Anschein, als ob unsere Hunde jedes Wort verstehen würden, das wir ihnen erzählen. Eigentlich sind Hunde aber einfach Meister darin, sich auf den Menschen einzustellen und uns zu beobachten. Entsprechend reagieren sie auf unser Verhalten, unsere Stimme und unser Geruch.

Wenn wir also unserem Hund unsere Sorgen erzählen und denken, er versteht uns, ist das Vermenschlichung? Solange wir keine Ansprüche an den Hund stellen, liegt es wohl noch im akzeptablen Graubereich. Es schadet dem Hund ja nicht.

Kritisch wird es da, wo die geistige und körperliche Freiheit der Hunde eingeschränkt werden. Um hier ein Beispiel zu nennen, ist ein Glitzerhalsband zwar nicht nötig, es schränkt den Hund aber auch nicht ein. Muss der Hund aber herhalten um sich parfümieren und verkleiden zu lassen, schränkt ihn das sehr wohl ein. Der Hund soll Hund sein dürfen und auch so gesehen und behandelt werden. Seine natürlichen Bedürfnisse muss er ausleben können.

Leider ist das Klischee der kleinen verzogenen Hunde oft Realität. Denn meist werden kleinerer Rassen Opfer von Vermenschlichung. Sie erfüllen das Kindchenschema und werden so oft als kleine Kinder gesehen, sehr zum Leidwesen der Tiere. Auch die Zuchtformen werden immer extremer auf das Kindchenschema ausgerichtet: flache Nase, runder Kopf, grosse, Kulleraugen, die nach vorne gerichtet sind, hohe Stirn. Das Kindchenschema weckt in Menschen den Beschützerinstinkt und die Fürsorge. Manche vergessen dabei, dass es immer noch ein Hund ist. Wenn man sich dazu entscheidet keine Kinder, dafür Hunde zu haben, ist das völlig ok. Solange die Hunde als solche leben dürfen und keine Erfahrungen, welche man mit Kindern gehabt hätte, kompensieren müssen.

In unseren Breitengraden werden Kindernamen für Hunde immer typischer. Das schadet dem Hund natürlich nicht. Es ist ihm schliesslich egal, wie man ihn ruft. Es zeigt aber, die schwächer werdende Grenze auf. Manche planen das Leben gar so, wie man es für ein Kind machen würde. Sie schmeissen Geburtstagspartys, bei denen natürlich die Torte und die besten Hundefreunde nicht fehlen dürfen. Sogar Fernsehprogramme und Wellnessoasen gibt es mittlerweile für die Vierbeiner. Ob das ein Hund wirklich braucht, ist fraglich. Nicht zu unterschätzen ist dabei das Ziel der Selbstdarstellung der jeweiligen Halter. Man zelebriert das «Luxusleben» der Hunde auf den Sozialen Medien. Der Grat zwischen Vermenschlichung und Tierliebe ist manchmal recht schmal. Wichtig ist, dass man die Bedürfnisse des Hundes nicht aus den Augen verliert und er nicht für unerfüllte Wünsche herhalten muss.